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Kürzlich
gab ich ein kleines Radio-Interview für die BBC. Das Thema lautete ungefähr
„Schach und Politik in der DDR“. Das dort spontan mündlich Vorgetragene
habe ich anschließend aufgeschrieben und etwas erweitert. Schach
wurde in den sozialistischen Ländern von Anfang an als Sport betrachtet.
Das große Vorbild für das System des Sports war natürlich die Sowjetunion.
Dass dort Schach über alle Maßen gefördert wurde, konnte und wollte man
allerdings nicht kopieren. In der DDR wurde Schach also zunächst so ähnlich
wie andere Sportarten behandelt, so führte man ein Förderungssystem
ein, dass für die Sportler der Spitzenklasse u.a. vorsah, dass sie bezahlt
wurden, als ob sie einem Beruf nachgingen, doch in Wirklichkeit konnten sie sich
fast ausschließlich ihrem Sport widmen (außer wenn sie in der Ausbildung
waren). Im Schach, mit seiner Ausübung bis ins hohe Alter, bedeutete dies
praktisch, dass man wie ein Berufssportler trainierte, aber die in den
westlichen Staaten existierenden Existenzrisiken nicht auf sich nehmen musste.
Man war im Alter abgesichert und mit den Einnahmen, die man zusätzlich bei
Turnieren machte (teilweise in harter Währung), erreichte man einen
Lebensstandard, der ganz deutlich über dem Durchschnitt lag. Dennoch gab es in
der DDR außer Wolfgang Uhlmann zunächst keine Großmeister. Erst 1965 kam mit
Wolfgang Pietzsch ein zweiter Großmeister hinzu, der aber schon 1970 mit dem
Schach ganz aufhörte. Doch
wie kam man an die Spitze? Anhand meines eigenen Beispiels will ich das ein
wenig erläutern (s.a. Wie wird man Großmeister?). Als 1953 Geborener lag ein
wesentlicher Teil meiner schachlichen Entwicklung vor allem in den 60er Jahren.
Das Kinderschach war da schon ganz gut entwickelt, aber nicht so gut wie
in den 70er und 80er Jahren. Als ich 1962 anfing, gab es in meiner Region überhaupt
keine Schach spielenden Kinder. Für mich war das nicht unbedingt schlecht, weil
ich viel mit Erwachsenen spielte, die stärker waren als ich. Da ich für mein
Alter schon sehr gut war, setzte auch bald eine Förderung von zentraler Stelle
ein. Es gab damals einen für Nachwuchs zuständigen Trainer beim
DSV (Heinz Rätsch), der mich nicht nur zu Trainingslehrgängen einlud, sondern
auch dafür sorgte, dass ich an Turnieren teilnahm, für die ich eigentlich noch
nicht qualifiziert war. Doch
der größte Teil meines Trainings spielte sich zu Hause ab, und abgesehen von
dem großen Umfang (s.a. Wie wird man Großmeister), war die Qualität des
Trainings nicht so gut, weil zum einen (im Vergleich zu heute) gute Materialien
Mangelware waren (Pachmanns Bücher zur Strategie waren die positive Ausnahme)
und zum anderen in meinem kleinen Ort (Forst/Lausitz) bald keine stärkeren
Spieler mehr da waren, von denen ich lernen konnte. Deshalb ging ich 1969 nach
Leipzig, wo sich mit Pietzsch, Hennings, Schöneberg, Neukirch und Vogt etliche
starke Spieler befanden. Doch
diese 60er Jahre waren schon überschattet von einer zunächst kaum
wahrnehmbaren Entwicklung, die Schach immer mehr an den Rand drängte. So wurde
die Zahl der oben beschriebenen „Stellen“ verkleinert. Für mich spürbarer
war jedoch die beginnende Nichtteilnahme an internationalen Ereignissen,
die teilweise genau in meine aufsteigende Kurve fiel. Es begann mit der
Studentenmannschaftsweltmeisterschaft in Puerto Rico 1971, aber wir hofften natürlich,
dass dies wegen der hohen Reisekosten eine Ausnahme wäre. Die
Juniorenweltmeisterschaft in Athen 1971 beschickte die DDR auch nicht; wegen des
Obristenregimes in Griechenland, hieß es. Doch das hielt die anderen
sozialistischen Länder nicht ab. Schon deutlicher wurde es 1972 bei der
Studenten-WM in Graz, das lag nun wirklich nicht so weit weg. Die
Ursachen erfuhr ich erst später. Es fing wohl 1956 mit einer gemeinsamen
deutschen Mannschaft bei den Olympischen Spielen an. Da wurden zuvor
Qualifikationen ausgetragen. Da der westdeutsche Sport noch besser war, hatten
die auch mehr Teilnehmer in der Mannschaft. Aber das stachelte den Ehrgeiz der
ostdeutschen Sportführer natürlich an. Der Turnaround war 1964 geschafft: die
kleine DDR hatte mehr Teilnehmer und stellte den Chef de Mission. Logische
Folge: 1968 gab es zwei deutsche Mannschaften. Der
Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik und der Kampf der DDR um Anerkennung
waren die zweite große Ursache. Denn wo ließ sich jene besser erobern als im
Sport? Und die Krone des Sports stellten nun mal die Olympischen Spiele
dar. Der
harte Schnitt kam 1972. Da durfte ich meine erste Schacholympiade
mitspielen (in Skopje). Die Befürchtungen, dass etwa ein schlechter Platz bei
einer Schacholympiade – in Siegen war die DDR wieder nur 9. geworden, in
Skopje gar 10. – zu einer späteren Nichtteilnahme führen würden, erwiesen
sich später als irrelevant, denn auch ein Medaillenrang hätte nichts an der späteren
Entwicklung geändert. 1972 war aber auch das Jahr der Olympischen
Spiele; die des Sommers fanden in München statt. Die DDR schnitt
hervorragend ab und ließ die gastgebende BRD klar hinter sich. Doch
Selbstzufriedenheit war nicht Sache der Sportführung der DDR. Noch im gleichen
Jahr 1972 fand eine geheim gehaltene Tagung statt, auf der ein Weg zur
weiteren Konzentration beschlossen wurde. Konzentration auf olympische
Kernsportarten; Medaillen trächtig mussten sie sein. Vielfach hat man diese
Konzentration vor allem als effektives Einsetzen von Finanzen gesehen. Doch es
war weit mehr als das. Es ging um Menschen. Die langen Kerls sollten nicht
Basketball spielen, sondern rudern oder schwimmen. Eine Wasserballmannschaft
sollte nicht eine ganze Halle belegen, sondern da sollten mehrere Schwimmer
gleichzeitig trainieren. Und nicht zu vergessen der riesige Sicherheitsapparat:
Eine DDR-Mannschaft, die nicht zur Schacholympiade fuhr, musste auch nicht
vorher überprüft werden. Wir
Schachspieler der Nationalmannschaft erfuhren von dem zunächst sehr geheimen
und auch später nie veröffentlichten Beschluss bei einem Lehrgang 1973.
Doch die bittere Wahrheit dämmerte uns erst so richtig im Jahre 1974, als die
DDR tatsächlich nicht an der Schacholympiade in Nizza teilnahm. Nach einigen
Jahren des Übergangs – wir spielten die Zonenturniere 1975, Uhlmann nahm
sogar am Interzonenturnier 1976 in Manila teil – kamen nun für das DDR-Schach
die Jahre hinter dem Eisernen Vorhang. In einem weiteren Beitrag wird beschrieben werden, wie die Praxis dieses Beschlusses aussah. |